Unbeirrbar

Die Sonne wärmt meine Zehen während ich im warmen Schein derselben sitze und ein Buch lese, dabei bleibe ich hängen am Wort: „Unbeirrbar“.

Ich weigere ich mich, zu meinem Mobiltelefon zu greifen und online nachzusehen, ob das Gefühl, das mich beschleicht, vielleicht eh schon im Duden Eingang gefunden hat, und es bleibt. Was, wenn das Wort, das bisher bei mir nur positiv besetzt war, weil unbeirrbare Menschen ihren Weg gehen, sich nicht abbringen lassen, sich nicht einmal ablenken lassen, nicht den Focus verlieren, sondern wenn sie all dies tun, ohne auf keinen Fall, also selbst wenn man sie mit Argumenten überhäuft, warum das, was sie tun, ein Irrtum ist, von Ihrem Tun abzubringen sind? Wenn unbeirrbar eigentlich heisst: nicht von einem Irrtum abzubringen? Nicht davon zu überzeugen, dass man sich im Irrtum befindet? Dann ist „unbeirrbar“ ganz schnell keine positive Eigenschaft mehr.

Und so wechselt ein weiteres Wort  nach vielen Jahren unbedachten Gebrauches von der hellen auf die dunkle Seite.

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Krieg und Frieden

Als ich an einem Sonntag nachmittag ins Geburtshaus meines Vaters komme, sitzt seine Mutter, meine runde Oma, am Tisch und liest in der Zeitung, dem im ganzen Land verbreiteten Schundblatt. Im Bauernhaus ist es ruhig, die „Jungen“, also meine Tante und mein Onkel haben sich zurückgezogen für eine kleine Sonntagsnachmittagsruhe, meine Cousins scheinen alle außer Haus zu sein, Stille. Oma blickt von der Zeitung auf, lächelt mich an, schließt die Zeitung und deutet mir mit einer winzigen Handbewegung, mich neben sie zu setzen. Ich setze mich neben sie, nehme ihre Hand und frage sie, was sie gerade gelesen habe. Sie erzählt, sie habe einen Artikel über den Kriegsausbruch gelesen, der genau heute vor 40 Jahren gewesen sei. „Wie war das eigentlich hier am Land?“ frage ich sie, „Der Krieg, weit weg von den Bomben auf die Stadt?“ „Wir hatten schon auch eine Bombe, eine einzige, aber die hat ein Amerikaner anscheinend unabsichtlich verloren und nicht abgeworfen aus seinem Flugzeug, die ist außerhalb des Ortes in einer Wiese explodiert“ antwortet sie mit dem verschmitzten Lachen, das ihren Kugelbauch so wackeln lässt, dass ich auch immer lachen muss. „Es ist nichts dabei passiert“, fährt sie fort und wird plötzlich ernst. „Wir haben nichts gemerkt vom Krieg am Anfang. Aber dann ist er schnell zu uns gekommen.“ Und sie erzählt, wie der Krieg in den kleinen Ort, der damals nur durch eine Schotterstraße mit der nächsten Bezirkshauptstadt verbunden gewesen war, gekommen ist. Wie die jungen Männer einrücken mussten und nur mehr Todesnachrichten von ihnen zurückkamen, wie sich ihr eigener Mann, der Opa, den ich kaum kannte, weil er starb, als ich fünf Jahre alt war, ein überzeugter Nazi, mit Tricks vor der Front drücken konnte, ein paar Jahre zumindest, wie die Menschen einander mißtrauten, wie keiner mehr seine Meinung gesagt hat, wie man dann von den KZs hörte, Mauthausen war ja nahe, wie man das einfach nicht glauben konnte, wie man verhindern konnte, dass man alle Erzeugisse des Bauerhofes abliefern musste, wie der Opa dann mit einem weiterem Trick plötzlich als Widerstandskämpfer galt, als die Russen kamen, was auch nicht gerade lustig gewesen war. Sie erzählt, ohne dass ich sie einmal unterbreche oder etwas frage, es quillt aus ihr heraus, manches scheint ihr erst beim Erzählen wieder einzufallen Draussen wird es finster, es ist ja schon September, es wird auch in der Stube dunkel, und ich habe den Eindruck, das ist ihre erste Gelegenheit, das alles zu erzählen. Nach Stunden des Erzählens und Zuhörens öffnet meine Tante die Türe: „Was sitzt ihr denn da im Finstern?“ fragt sie in ihrer freundlichen Art lachend und schaltet das Licht ein, und Oma sieht mich blinzelnd an, ich sehe sie an, und ohne etwas zu sagen, wissen wir beide, dass wir einen wunderbaren Nachmittag verbracht haben. Sie hat mich in ihre Welt mitgenommen, in ihre Jugend, und ich war ein dankbarer Gast. Wir wissen beide, dass dieser Moment vorbei ist und nie wieder kommen wird, und wir wissen beide auch, dass man uns diese Stunden nicht mehr nehmen kann. Ich drücke Ihre auf dem Tisch gefalteten Hände und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. Sie öffnet ihre Handkugel, nimmt meine Hand hinein und drückt nun ebenfalls. „Na ihr zwei Turteltäubchen, habt ihr keinen Hunger?“ fragt meine Tante, weil sie ein herzensguter Mensch ist, dessen schlimmste Vorstellung darin besteht, dass jemand an ihrem Tisch sitzen und Hunger haben könnte

Klappe halten

Wir stehen beim Kwas-Wagen, der im Schatten eines weiteren riesigen Lenin-Denkmals geparkt hat, Schlange und warten. Es ist schwül-heiss und der Besuch in den kühlen Mauern des Höhlenklosters hat die Sommerhitze nicht von unseren Schultern streifen können. Als wir an die Reihe kommen, bekommen wir das dickwandige Glas nur halb voll gefüllt, nicht so wie die Kunden vorher, aus denen wir schon auf Grund unserer Kleidung herausgestochen sind. Vielleicht hätten wir nicht deutsch sprechen sollen, vielleicht hält man uns nun für Deutsche? Ich rufe dem Mann am Zapfhahn „Австрия“ – „Austria“ ins Gesicht, worauf sich dessen Züge sofort erhellen. Er nimmt unsere Gläser wieder zurück und füllt sie vollständig mit Kwas auf. Ein bisschen schämen wir uns, weil wir diese Taktik immer wieder erfolgreich anwenden, als wären unsere österreichischen Vorfahren gar nicht dabei oder gar Opfer und nicht Täter gewesen. Aber es funktioniert immer und öffnet die Herzen der Sowjetbürger. Wir begleiten unser „Spassiba“ mit Dollar-Noten in der Handinnenfläche, die der Verkäufer schnell und geschickt so einsteckt, dass keiner der anderen wartenden Kunden etwas davon bemerkt. Ein alter Mann, der trotz der Sommerhitze eine Strickweste trägt, dreht sich aus einer nebenstehenden Gruppe zu uns dreien um, stellt sich als „Dmitri“ vor und beginnt in nicht so schlechtem Deutsch zu erzählen, dass er in Österreich stationiert war, in Oberösterreich,  in Freistadt. Als ich ihm sage, dass wir aus Oberösterreich sind, aus Linz, dass mein Vater vierzehn Kilometer von Freistadt entfernt geboren wurde und damals ein 10 jähriger Bub gewesen ist, beginnt er bisschen zu weinen. Er erzählt, dass er dort eine schöne, junge Frau kennengelernt habe, die Tochter eines Kleinbauern, dass sie sich geküsst hätten und dass er bei ihr bleiben wollte, aber man habe ihn zurückgeschickt in die UdSSR. Jetzt sei er auch verheiratet, aber es sei nie die große Liebe wie zu Maria gewesen. Der Mann dreht sich von uns weg und geht grußlos die Straße hinunter. Ich denke, dass wir wirklich die Klappe hätten halten sollen.

Insel

Ein weiterer Tag in der Hitze eines Vorberges des Ida-Gebirges. In der Kühle des Morgens verließ ich den fast zahnlosen alten Schäfer, der gestern Abend sein karges Essen mit mir geteilt hat, mich nahezu dazu gezwungen hat, als ich erschrocken von der Plötzlichkeit des Erscheinens seines Hauses in der staubigen, dichten Macchia vor ihm stand und er mich durch den engen Eingang mit dem steinernen Türüberleger hineinzog. Ich war hungrig gewesen, auch durstig, aber Wasser hatte ich genug mitgeschleppt. Der Schäfer, der natürlich Nikos hieß, wie anscheinend alle Männer der Insel, stellte mir eine halb volle, überraschend kühle Flasche Wein auf den rohen Tisch und etwas Käse und einen Topf Oliven, ich steuerte aus meinem Rucksack eine Dose Büchsenfleisch bei, aber die öffnete er nicht, sondern er stellte sie in das hintere, beinahe völlig lichtlose Ende des einräumigen Hauses auf ein Brett, das irgendwie, jedenfalls unsichtbar an der trockenen Steinwand befestigt war. Das Haus glich innen mehr einer Höhle als einem Haus, war auch nur an zwei Seiten gemauert, die beiden anderen Seiten bildeten zwei Steinwände, die in ungefähr rechtem Winkel zueinander standen. Ungefähr reicht in diesem Land, dachte ich, symphatisch nahezu überall. Es war stickig heiß in dem Raum mit dem kleinen, scheibenlosen Fenster, aber staubtrocken wie draußen in der Abendhitze, in der es selbst den Zikaden zu heiß zum Lärm machen geworden war. Nach dem Essen und einem dürftigen Gespräch, das auch mit besseren Griechisch-Kenntnissen meinerseits vermutlich nicht angeregter gewesen wäre, deutete er mit einem wortlosen Nicken an, dass es Zeit wäre. Also ging ich nach draußen vor das Haus und bereitete mein Schlaflager vor, wie schon oft in den letzten Wochen: die großen Steine aus dem Weg geräumt, die Bambusmatte als dünne Unterlage, darüber der Schlafsack, der zu Beginn der Nacht vor dem harten Boden, später dann auch vor der Kühle schützen würde. Nikos sah nochmals nach seinen Schafen, ich las im Dämmerlicht weiter in meinem Buch, mache ein paar Notizen und schloss dann die Augen. Wieder hatte ich Glück gehabt mit einer Schlafstätte. Nikos‘ struppiger, aus dem Maul stinkender Mischlings-Köter versuchte sich an meine Seite zu legen, nach ein paar Knüffen in seine Seite gab er das Vorhaben auf. Tiefer Schlaf, keine Erinnerung an einen Traum.

Nun war ich schon einige Kilometer weiter westwärts, auf den unmarkierten Steigen der Schafe und Ziegen. Ich war bald am Morgen losgegangen, bloß ein paar trockene Brotstücke aus dem Rucksack und einige Schluck Wasser bildeten mein Frühstück. Nach einem Kalimera und Glückwünschen für mein Vorhaben, die Insel der Länge nach zu durchqueren, von dem ich Nikos am Vortag erzählt hatte, und einer unbeholfenen Männerumarmung war ich losgegangen. Einige Hundert Höhenmeter weiter unten glitzert das Meer, verschmilzt am Horizont mit dem seit Tagen wolkenlosen Himmel, der hier heroben endlos scheint. Am Ufer sind die Schaumkronenbänder der Wellen zu erkennen, die der Wind aus Afrika gegen die Felsküste schiebt und vereinzelt Häuser, weiß und kubisch wie verstreuter Würfelzucker.

Heute müsste ich nach meiner Schätzung und den Details, die meine Karte hergibt, Aghia Galini erreichen: da werde ich wieder zur Küste absteigen und mich an die Zivilisation gewöhnen, was zunehmend schwieriger wird. Auf der anderen Seite fehlen mir die Menschen, das Gespräch mit ihnen, nein, es würde schon Zuhören reichen.

direkt in die demokratie

gratulation! ein volksbegehren für mehr demokratie – 70.000 haben es unterschrieben. ein volksbegehren gegen kirchenprivilegien – 50irgendwastausend haben das unterschrieben. es folgen jetzt die erklärungsversuche. und der kardinal schickt vermutlich ein dankgebet gen himmel und ergeht sich zur feier des tages vielleicht, obwohl er ja immer so gütig auftritt, dass man sich schwer tut, dass einem das frühstück nicht aus dem gesicht fällt, in ein wenig schadenfreude. das macht nichts, beim dompfarrer beichten, schon kann er wieder ruhig schlafen.

50.000 menschen haben sich in ihre bezirks- und gemeindeämter bewegt, damit überhaupt eine chance besteht, dass die privilegien der kirche in österreich, festgemauert in einen bunker von konkordat, vorauseilendem gehorsam und borniertheit, als da sind: diverse steuerliche erleichterungen, bezahlung von religionsunterrichtspersonal aus steuergeldern, ohne dass der staat bei der bestellung mitzureden hätte, untersuchung von missbrauchsfällen durch das eigene personal und so weiter, im palament beplaudert werden. 50.000 also. der rest ist im umkehrschluss dafür, dass diese privilegien bestehen bleiben, obwohl in den letzten 10 jahren ca. 500.000 menschen  aus der kirche ausgetreten sind, also alleine diese menschenmenge eigentlich geschlossen zum volksbegehren hätte gehen müssen?

woran aber liegt es dann? vielleicht daran, dass unter anderem durch no-na-volksbefragungen wie jüngst in der hauptstadt wien das vertrauen in die direkte demokratie, naja, sagen wir mal vorsichtig: etwas getrübt ist? dass die letzten volksbegehren, die die 100.000er hürde geschafft haben, um im parlament behandelt zu werden, dort in eilsitzungen durchgewunken wurden, ohne den dingen auf den grund zu gehen?

die ironie liegt darin, dass die parlamente des landes unter dem druck der darin vertretenen demagogen die direkte demokratie anscheinend zu einem zeitpunkt entdecken, an dem das verwaltete volk längst nicht mehr daran interessiert ist. aber das ist ja nicht das erste mal, dass an den menschen und ihren interessen vorbeigesetzesgegebt wird. und gewiss auch nicht das letzte mal.

der rosinenkönig

ich habe dieses buch gekauft, weil ich den untertitel “von der bedingungslosen hingabe zu seltsamen passionen” sehr anziehend fand und habe mir davon eigentlich nicht viel erwartet, weil mir der autor völlig unbekannt war und ich noch nie etwas von dem buch gehört hatte. wie wurde ich aber positiv überrascht! sjöberg portraitiert den schwedischen naturforscher (opus magnum: “die regenwürmer der amerikanischen westküste”), sammler (er meinte auch den “heiligen” gral gefunden zu haben!), weintraubenzüchter, nationalparkgründer usw. gustav eisen so liebevoll und detailgenau, als zeichnete er eine seltene schwebfliegenart in sein notizenbuch. daneben erzählt er von seinem eigenen, insektensammlergetriebenen leben und allerlei nebenschauplätzen seines und eisens leben. das ganze ist unterhaltsam und höchst interessant, wenn man zu den menschen gehört, die sich auch für sogenanntes unnützes wissen interessieren und die menschen mit von der norm abweichenden lebensentwürfen grundsätzlich interessiert gegenüber stehen. sjöberg erzählt sehr symphatisch, ich hatte beim lesen den eindruck, ich säße mit ihm bei einem guten glas wein vor dem brennenden kamin im gespräch. unaufgeregte literatur, die gute stimmung und offenheit in einem verbreitet. schön!

idealzone

Ich fülle ein Anmeldeformular als Knochenmarksspender aus und entdecke den Satz: „Die  Anmeldung zum Knochenmarksspender kann maximal bis zum 45. Lebensjahr erfolgen.“ Ich bin zum ersten Mal zu alt für etwas. Dabei ist die Erinnerung an die Zeiten, in denen ich zu jung für etwas gewesen war, noch frisch. Ich war zu jung für Winnetou im Kino, obwohl ich nicht zu jung gewesen war, das Buch zu lesen. Das war etwas, was sich meinem Verständnis damals völlig entzog. Wie konnte ich zum Lesen alt genug sein, zum Schauen aber nicht? Ich hatte doch viel früher schauen können als lesen! Dass mein Bruder Winnetou schon ansehen durfte im Kino, verdoppelte die Kränkung erst recht, bloß wegen der dreieinhalb Lebensjahre, die er älter war als ich. Aber wie groß war der Triumph, als ich bei der Alterskontrolle für „Ben Hur“ durchschlüpfte und das legendäre Wagenrennen sehen durfte, für das ich laut Gesetz eigentlich noch 3 Monate zu jung war. Heute bin ich zum ersten Mal also zu alt für etwas, von aussen bestimmt, nicht von meinem Gefühl her. Ich habe die Idealzone des Lebens also wieder verlassen, und es gibt kein zurück, aber auch kein vorne, das es damals, als ich noch zu jung gewesen war, noch gegeben hat